Wer oder was ist der Mensch in einer Welt, in der Maschinen zunehmend Aufgaben übernehmen, die lange als Ausdruck menschlicher Vernunft oder Kreativität galten? Maschinen verfassen Gedichte oder komponieren Musik. Algorithmen erstellen in kürzester Zeit medizinische Diagnosen oder generieren Reden, die emotional berühren und überzeugend wirken. Solche Szenarien sind längst Realität und führen dazu, grundlegende Fragen nach dem Wesen des Menschen neu zu stellen. Schon in der Vergangenheit haben technische Innovationen dazu geführt, dass Menschenbilder infrage gestellt wurden.
In Bildungsprozessen gilt es daher, diese Veränderungen nicht nur technisch zu begleiten, sondern auch emotional, ethisch und philosophisch zu reflektieren. Was macht das Menschsein aus? Welche Werte, Fähigkeiten und Haltungen sollten im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz bewahrt, welche weiterentwickelt werden? Welche Kompetenzen sind erforderlich, um diesen Wandel nicht nur zu überstehen, sondern aktiv und mündig mitzugestalten.
Was den Menschen ausmacht und wie KI ihn herausfordert
Die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine war lange relativ klar: Bewusstsein, Moral, Kreativität und Sprache galten als exklusiv menschliche Fähigkeiten. Doch mit dem Fortschritt generativer KI-Systeme wird diese Abgrenzung zunehmend unscharf. Lange war der Mensch als dasjenige Wesen definiert, das Vernunft, Sprache und moralisches Handeln in sich vereint. KI-Systeme, die Texte verfassen, medizinische Diagnosen stellen oder strategische Entscheidungen treffen stellen diese Zuschreibungen infrage.
Immanuel Kant betonte zum Beispiel die Mündigkeit des Menschen – also seine Fähigkeit, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Heute stellt sich die Frage, ob diese Fähigkeit durch KI eher gestärkt oder untergraben wird. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Zugleich hat Michel Foucault gezeigt, dass Macht nicht nur durch Zwang wirkt, sondern auch durch Wissen und Normierung. KI-Systeme, die Verhalten analysieren, Entscheidungen vorstruktur-ieren oder Inhalte filtern, formen mitunter das Selbstverständnis der Menschen – oft ohne dass dies bewusst geschieht.
Kritisch begleiten: Post- und Transhumanismus im Diskurs
Bewegungen wie der Transhumanismus propagieren das Ideal, den Menschen durch Technik zu optimieren oder gar zu überwinden. Der Posthumanismus fordert, die Sonderstellung des Menschen als Maß aller Dinge zu hinterfragen und ihn als Teil vernetzter, nichtmenschlicher Systeme zu denken. Beide Strömungen bieten wichtige Impulse – etwa zur Infragestellung überkommener Grenzziehungen –, bergen aber auch Herausforderungen: etwa die Gefahr, körperliche Endlichkeit, Verletzlichkeit oder moralische Verantwortung zu entwerten. Bildung braucht hier einen kritischen Rahmen, um spekulative Zukunftsbilder ethisch einordnen und hinterfragen zu können.
Verändert: Das Verhältnis zu Umwelt, Tier und Transzendenz
Der Mensch als soziales Wesen ist nie unabhängig von der Umwelt und passt sich an ihre Bedingungen an. Gleichzeitig fordern diese Technologien dazu heraus, das Menschenbild weniger anthropozentrisch zu denken. Die feministische Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway hat mit ihrem „Cyborg“-Konzept auf die Auflösung starrer Grenzen zwischen Natur und Technik, Mensch und Maschine hingewiesen. KI-gestützte Systeme ermöglichen neue Formen des Zusammenspiels zwischen Natur, Mensch, Technik und Tieren – etwa im Artenschutz oder in der Umweltüberwachung. Gleichzeitig verschwimmt die klare Abgrenzung des Menschen als „vernunftbegabtes Gegenüber“ der Natur. Das anthropozentrische Selbstbild wird dadurch relativiert.
Ähnlich zeigen sich Verschiebungen im religiösen Bereich: Der Mensch hat mit der Künstlichen Intelligenz eine Technologie geschaffen, die Charakteristika aufweist, die bisher nur einer göttlichen Kraft zugeschrieben wurden: allmächtig, allwissend oder allgegenwärtig zu sein. Doch der genaue Blick auf Künstliche Intelligenz zeigt auch ihre Grenzen auf. Large Learning Models (LLMs) repräsentieren menschliche Wertesysteme. Sie funktionieren nur, solange sie Zugriff auf das Internet haben. Außerdem sind sie fehleranfällig. Die Mängel werden problematisch, wenn KI-Systemen blind vertraut wird. Bildungsprozesse sollten diesen Wandel nicht nur beschreiben, sondern ethisch einordnen – etwa im Blick auf Authentizität, Empathie oder das Verständnis von Schöpfungsverantwortung.
Mündigkeit im digitalen Alltag
KI kann Menschen von Routineaufgaben befreien – zugleich besteht das Risiko, dass Urteilsfähigkeit und Verantwortung an automatisierte Systeme abgegeben werden. Das protestantische Bildungsideal der Mündigkeit – mit dem Ziel, selbst zu denken, zu urteilen und zu handeln – bleibt hier aktuell. Bildung muss befähigen, nicht nur KI-Systeme zu nutzen, sondern deren Vorschläge kritisch zu bewerten. Eine zentrale Aufgabe ist daher die Förderung digitaler Mündigkeit: der Fähigkeit, Technologie souverän, verantwortungsbewusst und reflektiert in das eigene Leben zu integrieren.
KI-Kompetenz braucht Reflexionsräume
Der Einsatz von KI-Technologien stellt nicht nur technische und rechtliche Fragen – er betrifft die Grundfrage, wie wir uns als Menschen verstehen und was wir in Zukunft sein wollen. Medizinische Diagnosen, die in manchen Bereichen akkurater von KI-Systemen getroffen werden, der Einsatz von KI in der Rechtsprechung oder bei politischen Entscheidungsprozessen zeigen, wie tiefgreifend solche Systeme in gesellschaftliche Strukturen eingreifen können. Wenn Maschinen Aufgaben übertragen werden, die bisher nur gut ausgebildeten Menschen zugetraut wurden, verändert das das Selbstverständnis des Menschen.
Eine reflektierte KI-Kompetenz muss deshalb stets philosophische, ethische und theologische Dimensionen einbeziehen, um nicht nur funktionale Vorteile zu betrachten, sondern auch Fragen nach Würde, Verantwortung und Sinn zu adressieren. Bildungsarbeit sollte Räume schaffen, in denen Menschen diese Fragen anhand konkreter Szenarien diskutieren – etwa, wie Empathie und moralisches Urteilsvermögen in einer zunehmend automatisierten Welt bewahrt werden können. Die Technik allein gibt keine Antworten darauf, wie ein gutes und gerechtes Zusammenleben gestaltet werden soll. Diese Aufgabe bleibt zutiefst menschlich.
von Lukas Spahlinger



