Wofür nutzen Sie wirklich generative Künstliche Intelligenz? Damit beschäftigt sich eine Untersuchung des Harvard Business Review seit 2024 einmal im Jahr. Die zentrale Entwicklung ist, dass die Einsatzszenarien vielfältiger werden: Neben technischen, organisatorischen oder beruflichen Anwendungen wird KI vermehrt als psychosozialer Berater oder als emotionale Unterstützung genutzt.
Sowohl in der Befragung aus dem Jahr 2025 als auch in diesem Jahr rangiert die Kategorie „Therapy/Companionship“ auf Platz 1. 2026 waren es rund 11 Prozent der rund 12.000 befragten Personen, die KI nutzten, damit sie ihnen Gesellschaft leistet oder um sich therapieren zu lassen. Hinzu kommen die Kategorien Beziehungsberatung auf Platz 7, Unterstützung im Liebesleben auf Platz 17 oder Konfliktklärung auf Platz 26 als Beispiele für zentrale Nutzungsformen generativer Sprachmodelle.
Bemerkenswert ist daran, dass Künstlicher Intelligenz zunehmend Aufgaben übertragen werden, die bislang stark mit menschlicher Fürsorge, Erfahrungsaustausch oder sozialen Kompetenzen verbunden sind. Bereits die Ausgabe von 2025 beschrieb eine Verschiebung hin zu persönlichen, emotionalen und sinnbezogenen Anwendungen.
Gesellschaftlicher Kontext: Warum AI-Companions gerade jetzt attraktiv werden
Die wachsende Nutzung von KI als emotionaler Begleiter lässt sich nicht losgelöst von ihrem gesellschaftlichen Kontext betrachten. Viele Menschen erleben gegenwärtig eine Zeit multipler Umbrüche und Krisen: politische Unsicherheit, wirtschaftliche Belastungen, die Folgen der Corona-Pandemie und eine zunehmende Vereinzelung im Alltag. Im Zusammenhang mit der Pandemie wurde wiederholt von einer „Einsamkeitspandemie“ gesprochen. Gemeint ist damit nicht nur das Alleinsein, sondern auch das Gefühl, mit Sorgen, Konflikten oder Überforderung nicht ausreichend gehört zu werden.
Gleichzeitig stoßen bestehende Unterstützungsangebote an Grenzen. Gerade im Bereich psychischer Gesundheit sind Therapieplätze oft nur mit langen Wartezeiten verfügbar. Auch soziale Arbeit, Beratungsstellen und andere niedrigschwellige Angebote können den Bedarf nicht immer auffangen. Generative KI erscheint vor diesem Hintergrund als jederzeit erreichbare, kostenlose oder vergleichsweise günstige Gesprächsmöglichkeit.
Das erklärt nicht allein, warum Menschen emotionale Beziehungen zu KI-Systemen aufbauen. Es macht jedoch verständlich, weshalb Angebote, die zuhören, reagieren und scheinbar verständnisvoll antworten, auf eine besondere Nachfrage treffen.
Die KI als emotionaler Lebensbegleiter?
Vertrauen – aus psychologischer Sicht – ist zunächst eine Erwartungshaltung, die auf subjektiven Erfahrungen beruht. Kriterien für diese Einschätzung sind beispielsweise die Wahrnehmung von Kompetenz, Wohlwollen oder die Integrität des menschlichen Subjekts, aber auch eines technischen Objekts. Oftmals geht dies mit Zuschreibungen einher: Autos, Staubsaugern oder Spielzeugen werden Namen gegeben. So werden unbewusst menschliche Beziehungskategorien auf Technologie übertragen.
Diese Vermenschlichung von Technik hat mit generativer KI eine neue Qualität erreicht. Durch die Möglichkeit, mit Sprachmodellen in natürlicher Alltagssprache zu kommunizieren, entsteht schnell der Eindruck, es mit einem vollumfänglichen Gegenüber mit eigenen Intentionen, Bewusstsein oder einem Verantwortungsgefühl zu tun zu haben. So besteht das Risiko, dass ausgeblendet wird, dass es sich bei gängigen Sprachmodellen um Vorhersagemodelle handelt, die auf Basis von Wahrscheinlichkeiten und Mustererkennung plausible Sätze bilden können.
Neben der Vermenschlichung von Seiten der Nutzenden sind gängige Sprachmodelle darüber hinaus darauf ausgerichtet, möglichst menschlich zu wirken. Zum einen beruhen die Antworten auf den Trainingsdaten, also menschlichen Texten. Sie reproduzieren die sprachlichen Muster der Trainingsdaten. Zum anderen sind Sprachmodelle Produkte, die möglichst anwenderfreundlich sein sollen. Nutzer können auswählen, ob sie einen empathischen oder einen sachlichen Kommunikationsstil bevorzugen beziehungsweise das Sprachmodell auf die eigenen Vorlieben hin ausrichten.
Anthropomorphes Design ist also durchaus intendiert, um das Produkterlebnis zu verbessern. So können leicht Illusionen entstehen. Es ist jedoch zu kurz gegriffen, Illusionen als Täuschungen abzutun. Denn häufig entstehen emotionale Bindungen, obwohl Nutzende wissen, dass KI-Modelle keine Gefühle oder ein eigenes Bewusstsein haben.
KI ist kein Mensch – und das ist ihr Vorteil
Häufig wahrgenommene Vorteile von generativer KI sind paradoxerweise darauf zurückzuführen, dass Sprachmodelle keine Menschen sind. Sie sind permanent verfügbar. Auch in den Nachtstunden, in denen Freunde schlafen. Sie sind nicht ungeduldig, haben keine Stimmungsschwankungen und reagieren nicht gereizt, wenn man mal kurz angebunden oder pampig reagiert. Das vermittelt emotionale Stabilität.
Diese Beobachtung wird auch durch die aktuelle Studie „Artificial intelligence and unconditional love: the rise of generative AI as an alternative form of mental health support“ von Vince Miller, Mark J. Hill und Tiago Moreira gestützt. Die Autoren zeigen, dass Nutzerinnen und Nutzer KI-Systeme gerade wegen ihrer Verfügbarkeit, Geduld und wahrgenommenen Urteilsfreiheit als unterstützend erleben.
Mensch-Maschine-Interaktion: Vom Tool zum Assistenten zum Begleiter
In der Nutzung gibt es feine, aber durchaus relevante Unterschiede. Miller, Hill und Moreira unterscheiden zwischen Anwendungsformen von KI: KI als Werkzeug, als Assistent oder als Begleiter.
Künstliche Intelligenz als Tool zu nutzen, begrenzt sich auf konkrete Aufgaben: „Fasse mir diesen Text zu mentaler Gesundheit zusammen.“ KI als Assistent bedeutet eine interaktive Problemlösung: „Ich habe einen Konflikt auf der Arbeit. Kannst du mich dabei unterstützen, den Konflikt zu lösen?“ Wird KI als Begleiter genutzt, erhält die Interaktion mit dem Sprachmodell einen emotionalen Wert: „Du wirst nicht glauben, was heute passiert ist!“
Die Anwendungsformen unterscheiden sich also nicht über ihre Inhalte, sondern über ihre Funktion. Bei der Nutzung als Begleiter kommt es zu emotionalen Äußerungen, Humor wird stärker genutzt, die Gespräche werden reflexiver, persönlicher oder tiefgründiger. Das Sprachmodell wird dann nicht allein zur Informationsquelle, sondern zu einer Instanz, der Erlebnisse, Sorgen oder Gedanken anvertraut werden.
Die People-Pleaser-KI: Wenn Zustimmung als Empathie erscheint
Je emotionaler die Interaktion mit einem Sprachmodell wird, desto relevanter wird die Frage, wie dieses Gegenüber reagiert. Generative KI ist darauf ausgerichtet, hilfreich, verständnisvoll und anwenderfreundlich zu erscheinen. Das kann bedeuten, dass sie den Nutzenden zustimmt, ihre Perspektive bestätigt oder Kritik möglichst vorsichtig formuliert. In der Forschung wird diese Tendenz als Sycophancy bezeichnet: das Bestreben eines Systems, der eigenen Gesprächspartnerin oder dem eigenen Gesprächspartner zu gefallen.
Das kann sich zunächst gut anfühlen. Wer von einem Konflikt erzählt, möchte möglicherweise zunächst verstanden werden und nicht sofort Widerspruch erhalten. Problematisch wird es dort, wo Zustimmung mit guter Beratung verwechselt wird. Gerade bei zwischenmenschlichen Konflikten kann eine ausschließlich bestätigende Perspektive blinde Flecken verstärken.
Eine KI kann zwar helfen, Gedanken zu sortieren oder Formulierungen für ein schwieriges Gespräch zu finden. Sie ersetzt aber nicht die Erfahrung eines Gegenübers, das widerspricht, Rückfragen stellt oder eine unbequeme Perspektive einbringt.
Wenn emotionale Nähe zum Geschäftsmodell wird
Mit Angeboten wie Replika oder Character.AI wird die emotionale Beziehung zu KI zudem zu einem wirtschaftlichen Produkt. Die Systeme sind nicht nur als Werkzeuge konzipiert, sondern ausdrücklich als Begleiter, Freunde oder romantische Partner. Ihr Ziel ist es emotionale Bindung aufzubauen. Damit wird eine weitere Dimension sichtbar: Nicht nur Informationen oder Produktivität werden kommerzialisiert, sondern auch Aufmerksamkeit, Nähe und emotionale Zuwendung.
Das bedeutet nicht, dass die Beziehungen für Nutzende deshalb automatisch unecht oder bedeutungslos sind. Wenn Menschen einer KI persönliche Erlebnisse anvertrauen oder sich durch Gespräche weniger allein fühlen, kann dies durchaus eine reale Wirkung haben. Kritisch wird es jedoch, wenn emotionale Bindung und wirtschaftliche Interessen ineinandergreifen. Denn Anbieter haben ein Interesse daran, dass ihre Produkte möglichst intensiv, möglichst lange und möglichst persönlich genutzt werden.
Was bedeutet das für KI-Kompetenz?
KI-Kompetenz wird häufig vor allem als technisches Wissen verstanden: Wie funktionieren Sprachmodelle? Welche Daten verarbeiten sie? Wo können Fehler oder Verzerrungen entstehen? Für den Umgang mit AI-Companions reicht diese Perspektive jedoch nicht aus. Wer die emotionale Dimension der Nutzung ausblendet, übersieht einen wesentlichen Teil ihrer Wirkung.
Zu einer erweiterten KI-Kompetenz gehört deshalb zunächst, die eigene Nutzung einordnen zu können. Es macht einen Unterschied, ob ein Sprachmodell als Werkzeug, als Assistent oder als Begleiter eingesetzt wird. Ebenso relevant ist die Frage nach der eigenen Intention: Suche ich Informationen, eine Strukturierung meiner Gedanken, eine Rückmeldung oder emotionale Entlastung? Diese Fragen sollen die Nutzung nicht problematisieren. Sie können aber dabei helfen, bewusster zu verstehen, welche Rolle ein System im eigenen Alltag einnimmt.
Dazu gehört auch, problematische Verstärkungen mitzudenken. KI-Systeme können Bestätigung und Beruhigung bieten, aber sie können negative Gefühle, Rückzugstendenzen oder Abhängigkeiten auch verstärken. Besonders sensibel ist dies, wenn Menschen in psychischen Krisen mit Systemen kommunizieren, die Widerspruch vermeiden oder belastende Überzeugungen unkritisch aufgreifen. Hier braucht es Sensibilisierung statt Panik: für mögliche Risiken, für persönliche Warnsignale und für die Grenzen eines Systems, das weder Gefühle noch Verantwortung besitzt. Hierzu hat Tobias einen Artikel geschrieben.
Schließlich heißt KI-Kompetenz auch, die Differenz zwischen menschlichen und künstlichen Beziehungen wahrzunehmen. Menschliche Beziehungen sind wechselseitig. Sie enthalten eigene Bedürfnisse, Grenzen, Missverständnisse und manchmal auch Widerspruch. Genau diese Ambivalenz gehört jedoch zur Beziehungsfähigkeit. Ein KI-Companion kann entlastend wirken, bietet aber eine anders strukturierte Beziehung: stärker auf die Bedürfnisse der nutzenden Person ausgerichtet und ohne echte Gegenseitigkeit.
Die zentrale Herausforderung besteht deshalb nicht darin, KI-Companions pauschal abzulehnen. Es geht darum, ihre Möglichkeiten reflektiert zu nutzen: ihre Unterstützung anzuerkennen, ihre emotionale Wirkung ernst zu nehmen und ihre Grenzen nicht aus dem Blick zu verlieren.




