Photoshop, Word und Co. neu gebaut von einer KI: Was hinter Artcraft steckt

Photoshop, Lightroom, Acrobat, Word, Excel, PowerPoint: Wer diese Programme regelmäßig nutzt, kennt das Gefühl. Jeden Monat fallen Abogebühren an, und für Privatanwender sind die Adobe-Preise kaum noch bezahlbar. Ich gehöre zu denen, die deshalb immer wieder nach Alternativen suchen. Deshalb bin ich hellhörig geworden, als in den letzten Wochen überall von Artcraft die Rede war.

Was passiert hier gerade?

Ein Entwickler hat bekannte Softwareprodukte mit Claude, dem KI-Modell von Anthropic, nachgebaut. Die Adobe-Palette: Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom, der Acrobat-Reader. Aber auch Microsofts Office-Familie: Word, Excel, PowerPoint. Und das Ergebnis steht komplett unter Open-Source-Lizenz.

Unter getartcraft.com lädt man sich einen kleinen Installer, der an die Adobe Creative Suite erinnert. Darin: PhotoCraft als Photoshop-Nachbau, VectorCraft, FilmCraft, LightCraft als Lightroom-Variante, PdfCraft für den Acrobat, WordCraft für Word, DeckCraft für PowerPoint, GridCraft für Excel. Öffnet man WordCraft, sieht die Oberfläche Word so ähnlich, dass man auf den ersten Blick kaum unterscheiden kann, was da läuft.

Darf er das?

Die Frage stellt sich als Laie sofort. Eine kurze Recherche ergibt: Der Code eines Programms ist urheberrechtlich geschützt – seine Funktionsweise aber nicht. Der Entwickler ist clever vorgegangen. Er hat Claude nicht den Code hacken lassen, sondern im Kern den Auftrag gegeben: Schau dir die Programme an und baue sie nach. Ob es wegen der optischen Ähnlichkeit irgendwann Rechtsstreitigkeiten gibt? Ich bin kein Jurist und will es nicht vermuten. Spannend finde ich etwas anderes: Dass so etwas überhaupt möglich geworden ist – und dass es frei zugänglich ist.

PdfCraft: starker erster Eindruck, mit einem echten Haken

Ich habe mit dem Programm angefangen, mit dem ich oft arbeite: PDFs bearbeiten. Zum Test geöffnet: der Code of Conduct „Demokratische KI“ – mit PdfCraft. Die Oberfläche sieht auf den ersten Blick aus wie der Acrobat Reader. Werkzeuge an der Seite, PDF exportieren, Seiten drehen, Seiten organisieren: Ich kann die Reihenfolge der Seiten ändern und drehen, so weit, so gut.

Interessant wird es bei „Text und Bilder bearbeiten“ – dem Grund, warum man überhaupt ein professionelles PDF-Tool braucht. Ich wähle Textfelder aus und schreibe hinein. Und dann zeigt sich das Problem, das auch in der Web-Community durchgängig zurückgemeldet wird: Alle Leerzeichen verschwinden. Der erste Eindruck ist großartig, das Potenzial ist da – aber das ist eine Alpha-Version, wenige Wochen alt. Praktisch einsetzen lässt sich das nicht, wenn ich in jedem Satz die Leerzeichen nachziehen muss. Grafiken verändern, Unterschriften einfügen, Überschriften ändern, Bildelemente austauschen: Das funktioniert dagegen erstaunlich gut.

GridCraft: eine Reisekostenabrechnung

Bei der Excel-Variante bin ich nicht tief eingestiegen – Excel ist nicht mein Metier. Aber ich habe eine echte Reisekostenabrechnung geöffnet. Erste Meldung: „Grouped shapes are not supported“. Ob ich gruppierte Formen brauche? Keine Ahnung. Ich habe Datum, Beginn, Dauer und Tagessatz eingetragen, Anlass Dienstreise, Auto, 35 Kilometer Entfernung – und die Kilometerpauschale steht oben korrekt drin. Die Grundfunktionen scheinen zu arbeiten. Wo hier die Schwachstellen stecken, wissen vermutlich die Excel-Profis unter euch besser als ich.

LightCraft: RAW-Entwicklung, die schon richtig gut funktioniert

Mehr beurteilen kann ich Bildbearbeitung. LightCraft ist die Lightroom-Variante – für mich eines der ungeschlagenen Werkzeuge, um RAW-Dateien zu entwickeln. Ich habe eine RAW-Datei von meinem iPhone geladen. Es gibt Presets, wie man sie von Lightroom kennt; ich gehe in die manuelle Bearbeitung. Gesamthelligkeit, Lichter, Kontrast, Schwarztöne, Farbtemperatur: alles da. Dazu Effekte wie Vignettierung und Schärfe. Das sind die Funktionen, mit denen ich arbeiten kann, um RAW-Dateien zu entwickeln. Da war ich dann doch angetan.

Was fehlt, ist folgerichtig die KI: Denoising und automatische Motivmasken der Adobe-Tools gibt es nicht. Wer die KI-Funktionen der Originale braucht, wird hier (noch) nicht fündig.

Warum das mehr ist als ein Software-Test

Grundsätzlich finde ich die Geschichte aus mehreren Gründen interessant. Wir reden viel über digitale Souveränität, über Unabhängigkeit von amerikanischen Anbietern, über Open Source. Wenn ich jetzt die Möglichkeit habe, Standardsoftware quasi selbst zu gestalten und inoffiziell nachzubauen, sehe ich Potenzial für eine Demokratisierung von IT-Anwendungen: Software, die nicht mehr allein davon abhängt, was ein Konzern mir monatlich lassen will.

Die offenen Fragen gehören aber dazu. Es ist Open Source: Wer die Fähigkeit hat, kann im Quelltext nachprüfen – ich kann das nicht beurteilen. Was passiert mit meinen Daten, wenn die Programme lokal laufen? Und der Funktionsumfang muss erst wachsen. Hier hängt alles an einer Community, die mitentwickelt. Jede:r muss für sich prüfen, welche Funktionen das eigene Arbeiten wirklich braucht.

Am Ende bleibe ich bei dem, was ich am Anfang dachte: Das ist ein sehr junges Projekt, eine Alpha-Version – aber sie hat gezeigt, dass KI bekannte Standardanwendungen nachbauen kann, in Wochen statt in Jahren, und sie unter freier Lizenz zur Verfügung stellt. Das finde ich erstmal großartig.