Mainz, 19. August 2026, kurz vor 16 Uhr. Eine Praxiswerkstatt zu KI in Seelsorge und Beratung neigt sich dem Ende — und die Teilnehmenden halten die Dokumentation des Tages in den Händen. Alle drei Impulse, die Ergebnisse der vier Werkstatt-Stationen, gesetztes Layout, fertiges PDF. Kein „Wir schicken Ihnen das Protokoll in den nächsten Tagen“: Das Heft ist verteilt, bevor das Schlusswort gesprochen ist.
Entstanden ist es am Rand des Geschehens: Redebeiträge liefen über ein Mikrofon auf einen Laptop und wurden dort lokal transkribiert, ohne dass ein Cloud-Dienst beteiligt war. Aus den Transkripten und den Präsentationsfolien setzte eine KI die Dokumentation; die Referent*innen prüften sie, bevor sie verteilt wurde.
Zwei Monate später, ein Zoom-Raum: In gut einer Stunde entsteht live ein KI-Berater für datenschutzrechtliche Fragen — konzipiert, gebaut, mit Fragen aus der Runde getestet und währenddessen von einem medienpädagogischen Referenten des Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz geprüft.
Dazwischen, wieder in Mainz, ein drittes Format: ein Tag, an dem erprobt wurde, wie KI im Live-Einsatz in einem Spiel mit dabei sein kann – als Game Master, als Mitspielerin oder als Werkzeug, mit dem Teilnehmende eigene Spiele entwickeln.
Drei Veranstaltungen, ein Projekt, eine Frage: Was passiert, wenn KI nicht über Bildungsarbeit redet, sondern mitten darin arbeitet?
Das Projekt im Überblick
Alle drei Formate gehören zum Erasmus+ Projekt AI_LEARN – „AI-Powered Learning: Real-Time Intelligence for Adult Education“. Es läuft von September 2025 bis Februar 2027 und wird von der Milenu GmbH in Österreich koordiniert; das Zentrum Bildung und Gesellschaft der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gestaltet den deutschen Projektanteil, Live Session den französischen. Die Kernfrage: Was passiert, wenn KI live mit im Seminarraum sitzt – ob sie in Echtzeit moderiert, fachlich berät, Sprachbarrieren abbaut oder Diskussionen visuell aufbereiten kann? Insgesamt entstehen im Projekt zehn Online-Seminare und fünf Präsenzveranstaltungen; die Erfahrungen fließen 2027 in toolunabhängige, europaweit frei verfügbare Leitlinien – das methodische „Rezeptbuch“ des Projekts.
Die Partner steuerten jeweils eigene Formate bei: Milenu lud zu Online-„Offenen Werkstätten“, in denen KI-Audio-Agenten, Live-Transkription und Echtzeit-Übersetzung direkt im Online-Raum erprobt wurden; mit der ARGE Bildungshäuser Österreich, der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen und der AEWB entstanden weitere Online-Formate. In Frankreich fanden Präsenzworkshops in Grenoble, Paris und Lyon statt („De la promesse à l’usage“) sowie ein Online-Atelier von Live Session zu Echtzeit-KI in virtuellen Klassenzimmern – mit Live-Untertitelung, passend zum Projektziel der Barrierefreiheit. Das Zentrum Bildung und Gesellschaft steuerte – nach früheren Formaten zu Übersetzung und Transkription – die drei hier dokumentierten Werkstatt-Formate bei: „KI in Seelsorge und Beratung“ (August, Präsenz), „KI im Spiel“ (September, Präsenz) und „KI für den Datenschutz“ (Oktober, online).
Die These: Tempo, Zugänge, Verantwortung
KI im Live-Einsatz verändert das Tempo der Arbeit – und das ist kein Nebeneffekt, sondern ein echter Gewinn. Wo Dokumentation und Protokoll früher in der Nachbereitung entstanden, entstehen sie jetzt während der Veranstaltung. Live-Transkription und Simultanübersetzung bauen Barrieren ab und binden Menschen ein, die sonst schwer erreicht werden. Und neue Zugänge entstehen dort, wo KI den ersten Kontakt übernimmt. All das eröffnet Möglichkeiten für zielgruppengerechte und inklusive Angebote, die es ohne Echtzeit-Unterstützung so nicht gäbe.
Was der Live-Einsatz dagegen nicht verändert, ist die Frage, wer verantwortet und was dabei herauskommt. In der Mainzer Dokumentation steht es als Pointe der Methode: „Die Geschwindigkeit kommt von der Maschine, die Verantwortung für den Inhalt bleibt bei den Menschen.“ Beides gehört zusammen: Je schneller die Maschine arbeitet, desto genauer muss geklärt sein, wer das Ergebnis prüft. Die drei Formate haben dieses Zusammenspiel auf drei verschiedene Weisen auf die Probe gestellt – vom sensibelsten bis zum praktischsten Fall.
Der härteste Testfall: Beratung und Seelsorge
Der Mainzer Fachtag begann mit einer Zahl, die zeigt, dass das Thema keine Zukunftsmusik mehr ist: Rund zwei Drittel der 16- bis 39-Jährigen haben laut einer Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention bereits mit KI-Chatbots über psychische Belastungen gesprochen – nicht über Rezepte oder Urlaubsplanung, sondern über Themen, für die es sonst Beratung, Seelsorge oder Therapie braucht. Die Gründe sind strukturell: lange Wartezeiten, hohe Kosten, Angst vor Stigmatisierung. Ein Chatbot ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.
Vor diesem Hintergrund erprobte der Fachtag, was KI in sensiblen Beratungskontexten kann und was nicht. Drei Erkenntnisse sind über den Tag hinaus bedeutsam:
Alles, was herauskommt, ist eine Vorhersage. Ein Sprachmodell recherchiert nicht, es berechnet die plausibelste Fortsetzung. Wie ernst das ist, zeigte ein Fall aus der Beratungspraxis: Ein Modell gab trotz ausdrücklicher Aufforderung eine drei Monate alte Fassung eines Gesetzestextes aus – ohne jeden Hinweis darauf, dass es sich nicht sicher war. KI-Kompetenz in der Beratung heißt deshalb vor allem: erkennen, wann eine Antwort überprüft werden muss und wann der Mensch übernehmen muss.
Nähe lässt sich simulieren – und sie wirkt. Eine Studie aus dem Jahr 2026 fand, dass Chatbots in emotional bedeutsamen Gesprächen mehr Nähe erzeugten als menschliche Gegenüber – solange die Teilnehmenden nicht wussten, dass sie mit einer KI schrieben. Was dabei verloren geht, war in der Praxisphase des Fachtags direkt zu beobachten: Ein Sprachsimulationssystem kam mit den Sprechpausen des Beraters nicht zurecht – also mit genau den Mitteln, die Seelsorge ausmachen. Die verbale Ebene ist überzeugend; alles zwischen den Worten bleibt außen vor.
Der Zugang ist der eigentliche Gewinn. Nach zwanzig Minuten Gespräch mit einem Trauerbegleitungs-Bot hielten die Teilnehmenden eines der klarsten Urteile des Tages fest: „Orientierung: ja. Ersatz für professionelle Beratung: nein.“ Niedrigschwelligkeit und Verfügbarkeit außerhalb der Öffnungszeiten sind reale Vorteile – gerade dort, wo das Hilfesystem an Kapazitätsgrenzen stößt. Die Fachkraft ersetzt das nicht.
Dazu kam eine ehrliche offene Frage, die der Fachtag nicht kleingeredet hat: Auch ein vollständig datenschutzkonformes oder lokales Modell, das den eigenen Rechner nie verlässt, löst das Seelsorgegeheimnis nicht. Die technischen Probleme werden zwar kleiner, die professionsethische Frage bleibt.
Der Kreativitätstest: KI im Spiel
Die Experimentierwerkstatt „KI im Spiel“ ging die Sache von der anderen Seite an: Nicht das kritische Prüfen stand im Zentrum, sondern das Gestalten. Erprobt wurde, an welchen Stellen KI im Live-Einsatz in einem Spiel mit dabei sein kann – in drei Rollen: als Game Master, der per Prompt zum Spielleiter eines interaktiven Text-Adventures wird, Aufgaben erzeugt, die Welt während des Spiels anpasst und sie mit Figuren belebt, die eigene Ziele und Persönlichkeiten haben. Als Mitspielerin, die als kluge Verbündete oder taktische Gegnerin kooperative Strategien herausfordert. Und als Entwicklungswerkzeug, mit dem die Kleingruppen eigene Spielideen ausarbeiten – vom Spielziel über die Mechanik bis zur Endbedingung, begleitet von den Referent*innen als Coaches. Der Anspruch von Anfang an: „KI dient als Werkzeug, nicht als Ersatz für menschliche Kreativität.“
Eine zweite Erkenntnis dieses Tages reicht über das Spiel hinaus: Wer eine KI einfach bittet, ein Spiel zu gestalten, muss am Ende mit dem zufrieden sein, was sie anbietet. Die eigentliche Herausforderung lag deshalb nicht im Digitalen, sondern im Analogen – in der konzeptionellen Vorarbeit. Erst wenn Inhalt, Didaktik, Spielziel, Spielumgebung, Spielmechanik und Endbedingung stehen, dazu die Schnittstelle, an der die KI ins Spiel kommt, lassen sich eigene Vorstellungen, Ziele und kreative Wege umsetzen. Genau diese Bausteine hielten die Werkstattgruppen fest, bevor und während sie mit den KI-Werkzeugen arbeiteten: Das Konzept blieb in Menschenhand – die KI füllt es aus.
Und auch hier fand das Prüfen seinen Weg ins Spiel selbst: Im selbst erstellten Browserspiel „KI-Detektiv 2026″ müssen sechs Porträts danach sortiert werden, ob sie echte Fotos sind oder KI-erzeugt. Kernkompetenz im Umgang mit generativer KI wird zum Spielinhalt. KI-Kompetenz muss man nicht durchsetzen – man kann sie bespielen.
Der Prüftest: KI für den Datenschutz
Das dritte Format spitzte die Verantwortungsfrage am deutlichsten zu. In einem gut einstündigen Online-Kurs entstand live ein KI-Skill namens „Datenschutzberater“: eine Fähigkeit, die einem KI-System mitgegeben wird, hier gespeist aus dreizehn geprüften Quelldateien – Tätigkeitsberichte der Datenschutz-Aufsichtsbehörden aus Rheinland-Pfalz und Hessen, die DSGVO, kirchliches Datenschutzrecht. Alles wurde zuvor in das maschinenlesbare Format Markdown umgewandelt, mit einem Konverter, der lokal im Browser arbeitet.
Die wichtigste Zahl des Abends war keine Zahl über KI, sondern über Arbeit: Rund 80 Prozent der Zeit stecken in der Konzeption, bevor das erste Werkzeug startet. Welche Aufgabe soll der Skill übernehmen? Welche Rolle nimmt er ein? Wer stellt die Fragen? Auf welches Material darf er zugreifen? Erst danach ist die Umsetzung schnell.
Und dann das Entscheidende: Die Antworten wurden nicht einfach zur Kenntnis genommen, sondern live geprüft. Ein medienpädagogischer Referent des Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz las jede Antwort mit und ordnete sie aus seiner Praxis ein. Sein Fazit fiel positiv aus: „Der Skill hat sich nicht über seine Befugnisse hinausgewagt.“ Er empfahl jedoch, sich grundsätzlich die Paragrafen nennen zu lassen, um im Original nachlesen zu können.
Den größten Nutzen sieht der Referent nicht in der Schnelligkeit, sondern in der Abgrenzung: Frei recherchierende Chatbots stoßen im Netz zunehmend auf KI-generierte Fehlinhalte, die ihre Antworten verzerren. Ein Skill, der einen geprüften Dokumentenbestand erschließt, hilft dagegen – und das Prinzip lässt sich auf jedes Fach- und Forschungsgebiet übertragen.
Bleibt die Erinnerung, die man nicht oft genug wiederholen kann: Eine KI sagt nie „Das kann ich nicht“. Auf Zuruf entwarf der Datenschutzberater ein komplettes Vertragswerk, zehnseitig, mit Anlagen. Ob es trägt, muss fachlich geprüft werden – genau das geschah im selben Chat, in dem es entstand.
Vier Linien quer durch alle drei Formate
Nach drei sehr unterschiedlichen Veranstaltungen bleiben deutlich sichtbar vier Linien:
Erstens: Der Auftrag kommt vor der Bedienung. Ob Trauerbegleitungs-Bot, Spielwelt oder Datenschutzberater – die entscheidende Frage aller drei Formate war die einer Reflexionsrunde in Mainz: „Welchen Auftrag genau gebe ich der KI?“ Wer sie nur bedient, ohne den Auftrag zu klären, erhält Durchschnitt.
Zweitens: Abgegrenztes Wissen schlägt freie Recherche. Die stärksten Ergebnisse entstanden, wo die KI auf definierte Quellen arbeitete: geprüfte Rechtstexte, ein fachlich kalibrierter Erstkontakt-Bot, eine im Prompt klar umrissene Spielwelt.
Drittens: Prüfung ist Teil des Formats, nicht der Nachbereitung. In keinem der drei Fälle blieb das Prüfen dem Zufall überlassen: Die Referent*innen prüften die Live-Dokumentation, ehe sie verteilt wurde; eine Spielaufgabe übte das Erkennen KI-erzeugter Bilder; ein Referent der Datenschutzbehörde bewertete den Skill in derselben Sitzung, in der er gebaut wurde.
Viertens: Recht und Ethik werden von Grund auf mitgedacht. Diese Aspekte waren in allen drei Formaten keine Nachgedanken, sondern Teile des Konzepts: Datenschutz ist damit eine Gestaltungsaufgabe, kein Verbotsargument. Und der Blick reichte darüber hinaus: Neben die rechtlichen Grundlagen traten die ethischen – etwa die offene Frage nach dem Seelsorgegeheimnis, das auch ein lokales Modell nicht löst. Die Formate zeigen damit die Richtung: Wer KI im Live-Einsatz verantwortet, denkt rechtliche und ethische Prinzipien von Anfang an mit – vom Datenschutz bis zum Berufsgeheimnis.
Und was bleibt
„Orientierung: ja. Ersatz für Fachkräfte: nein.“ – „Werkzeug, nicht Ersatz.“ – „Konzeption zuerst, dann Umsetzung.“ Drei unabhängig voneinander entstandene Formulierungen aus drei Formaten, die dasselbe sagen: Der Live-Einsatz von KI verteilt die Verantwortung in Echtzeit neu – und zwar so, dass sie bei den Menschen bleibt. Nicht trotz, sondern weil die Maschine so schnell ist.
Der nächste Schritt des Projekts ist bereits sichtbar: eine sprechende KI, die als Fachexpertin direkt in ein Meeting eingebunden wird und dort live beisteuert. Die Frage, mit der dann zu rechnen sein wird, kennen die drei Formate schon: Welchen Auftrag genau geben wir ihr?




