Einfache Sprache mit künstlicher Intelligenz

Barrierearmut bedeutet auch, Hindernisse abzubauen, die Menschen den Zugang zu Informationen und gesellschaftlicher Teilhabe erschweren. Künstliche Intelligenz bietet hier ein konkretes und wirksames Werkzeug, um dieses Prinzip in die Praxis umzusetzen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der KI-unterstützte Transfer von Fachtexten in Einfache Sprache. Dieser Ansatz zeigt, wie Technologie nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch dazu beitragen kann, Verständnisbarrieren zu überwinden und Wissen für alle zugänglich zu machen.

Einfache Sprache ist weit mehr als nur eine vereinfachte Version unserer Alltagssprache. Sie ist ein zentrales Werkzeug für Barrierefreiheit, gesellschaftliche Teilhabe und eine lebendige Demokratie. Während die Leichte Sprache gezielt für Menschen mit Lernbehinderungen und kognitiven Einschränkungen konzipiert wurde, wendet sich die Einfache Sprache an ein breites Publikum: an Menschen mit geringen Deutschkenntnissen, an ältere Mitbürger*innen, an Eltern im stressigen Alltag, an Berufstätige, die komplexe Informationen schnell erfassen müssen, oder an Bürger*innen, die behördliche Schreiben verstehen wollen, ohne juristische Vorkenntnisse zu haben. Kurz: An Menschen, die eine komplexere Fachsprache nicht gewohnt sind.

Sie ist somit eine  bürgernahe Sprache, die eine Brücke schlägt zwischen der oft abstrakten Fachwelt und der konkreten Lebensrealität der Menschen. Ihr Ziel ist es, Informationen so aufzubereiten, dass sie für alle zugänglich und verständlich werden – unabhängig von Bildungshintergrund oder sprachlicher Kompetenz.

Seit 2024 bieten zwei internationale Normen eine klare Orientierung für die Gestaltung von Einfacher Sprache: die ISO-Norm 24495-1 („Einfache Sprache – Grundsätze und Leitlinien“) und die DIN-Norm 8581-1 („Einfache Sprache – Anwendung für das Deutsche“). Beide Normen verstehen Einfache Sprache als eine verständliche Form der Standardsprache, die durch klare Prinzipien geprägt ist. Dazu gehören kurze, prägnante Sätze mit maximal 15 bis 20 Wörtern, der Verzicht auf unnötigen Fachsprache zugunsten alltagsnaher, bekannter Begriffe, eine logische und übersichtliche Struktur mit Absätzen, Aufzählungen und Hervorhebungen sowie eine gut lesbare Schrift mit ausreichender Schriftgröße und klaren Kontrasten. Diese Merkmale sorgen dafür, dass Texte nicht nur leichter zu lesen, sondern auch leichter zu verstehen sind.

Doch Einfache Sprache ist kein starres Regelwerk, sondern ein flexibles Instrument, das sich an den Bedürfnissen, dem Vorwissen und den Lebenswelten der jeweiligen Zielgruppe orientiert. Sie strebt danach, Komplexität zu reduzieren, ohne die Inhalte zu verflachen – und ermöglicht so den Zugang zu Informationen, die ansonsten oft nur Expert*innen vorbehalten bleiben. Ob in Behörden, Bildungseinrichtungen, im Gesundheitswesen oder im öffentlichen Raum: Einfache Sprache schafft Verständnis, fördert Selbstständigkeit und stärkt die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Künstliche Intelligenz (KI) den Einsatz von Einfacher Sprache unterstützen kann. Welche Möglichkeiten bieten KI-gestützte Tools, um Texte barriereärmer zu gestalten? Und welche Rolle spielen dabei menschliche Expertise, kritische Reflexion und die Verantwortung für eine wirklich inklusive Kommunikation?

KI als Werkzeug für Einfache Sprache

Künstliche Intelligenz bietet heute eine Vielzahl von Werkzeugen, die speziell darauf ausgelegt sind, Texte in Einfacher Sprache zu erstellen oder bestehende Texte zu vereinfachen. Diese Tools lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

  • Allzweck-KI-Modelle Modelle wie ChatGPT, Copilot oder Mistral AI sind vielseitig einsetzbar und können mit gezielten Prompts dazu gebracht werden, Texte in Einfacher Sprache zu generieren. Ihr Vorteil liegt in der Flexibilität: Sie können auf unterschiedliche Zielgruppen, Kontexte und Anforderungen zugeschnitten werden. Allerdings erfordern sie präzise Anweisungen, um wirklich verständliche und zielgruppengerechte Ergebnisse zu liefern.
  • Spezialisierte Programme, wie capito.ai, TextLab oder Wortliga sind speziell für die Vereinfachung von Texten entwickelt worden. Sie analysieren nicht nur die sprachliche Komplexität, sondern passen Texte aktiv an die Bedürfnisse der Nutzer*innen an. Sie erklären Fachbegriffe, kürzen lange Sätze und sorgen für eine klare Struktur. Besonders nützlich sind sie in Bereichen wie Verwaltung, Bildung oder Gesundheitswesen, wo Fachsprache oft eine Hürde darstellt.
  • Schnelle Vereinfachungstools: Anwendungen wie Bürgernah, Fair Text oder Klar&Verständlich arbeiten mit internen Algorithmen, die Texte automatisch vereinfachen. Sie eignen sich besonders für den schnellen Einsatz, etwa bei der Überarbeitung von Formularen, Informationsblättern oder Websites.

Prompting: Die Kunst der präzisen Anweisung

Die Qualität der KI-generierten Texte hängt maßgeblich von der Art der Eingabe ab. Ein guter Prompt für Einfache Sprache sollte folgende Elemente enthalten:

  • Zielgruppenbezug: Wer soll den Text verstehen? (z. B. „für Eltern mit Migrationshintergrund“)
  • Sprachliche Vorgaben: Welche Regeln sollen beachtet werden? (z. B. „maximal 15 Wörter pro Satz, aktiv formuliert“)
  • Kontext: Wo wird der Text verwendet? (z. B. „für eine Elterninformation der Schule“)

Ein Beispiel für einen gelungenen Prompt: „Schreibe eine Einladung zum Elternabend in einfacher, bürgernaher Sprache. Verwende kurze Sätze, vermeide Behördendeutsch und erkläre alle Abkürzungen.“

Durch solche präzisen Vorgaben lassen sich Texte erzeugen, die den Kriterien der Einfachen Sprache entsprechen. Doch wie Sabine Manning betont, sind KI-Tools keine Wunderwaffe: „Gute Texte entstehen nicht auf Knopfdruck. Sie erfordern menschliche Vorarbeit, Begleitung und Nachbearbeitung – besonders, wenn es um Verständlichkeit und Zielgruppenorientierung geht.“ (Manning, 2024)

Ein einzelner Prompt bietet oft noch keine optimalen Ergebnisse. Deutlich bessere Resultate lassen sich erzielen, wenn angepasste Sprachmodelle oder spezialisierte KI-Agenten eingesetzt werden, die gezielt für die Erstellung von Einfacher Sprache trainiert wurden. Angebote wie Custom GPT (von OpenAI) oder Mistral-Agenten ermöglichen es, KI-Modelle mit spezifischen Anweisungen und Beispielen zu „fine-tunen“, sodass sie konsistent hochwertige Texte in Einfacher Sprache liefern. Besonders praktisch: Die Agenten von Mistral können sogar kostenfrei in Le Chat erstellt und genutzt werden – ohne Programmierkenntnisse oder technische Hürden.

Verantwortungsvoller Einsatz

KI kann den Prozess der Texterstellung in Einfacher Sprache deutlich erleichtern. Doch die Verantwortung für die Verständlichkeit der Texte, die inhaltliche Vollständigkeit und die Wahrung des Sprachniveaus liegt bei den Menschen, die diese Tools einsetzen. Es gilt sicherzustellen, dass die Vereinfachung der Sprache nicht auf Kosten der inhaltlichen Tiefe oder Korrektheit geht. Gleichzeitig müssen personenbezogene Daten geschützt werden, indem sie anonymisiert oder in datenschutzkonformen Umgebungen verarbeitet werden.

von Lukas Spahlinger, Tobias Albers-Heinemann & Sabine Manning

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