Über die Sinnhaftigkeit von Selbstlernkursen im KI-Zeitalter

Stell dir vor: Ein Online-Selbstlernkurs, ausgelegt auf vier bis sechs Stunden. Du öffnest ihn in einem KI-Browser, gibst einen einfachen Prompt ein – und zehn Minuten später ist der Kurs „abgeschlossen“. 100 % richtige Antworten, Zertifikat in der Tasche. Ohne dass du auch nur eine Zeile gelesen, eine Frage wirklich durchdacht hättest. Klingt absurd? Ist es auch. Und doch ist es Realität.

Für alle, die sich aus intrinsischer Motivation weiterbilden wollen, sind Selbstlernkurse ein Segen: flexibel, ortsunabhängig, im eigenen Tempo. Doch was passiert, wenn solche Formate zur Pflicht werden? Wenn Einrichtungen ihre Mitarbeitenden zwingen, Kompetenzen nachzuweisen – nicht aus Überzeugung, sondern aus Compliance-Gründen?

Der Test: KI als Kurs-Turbo

Im Video wird es vorgeführt: Ein KI-Assistent durchläuft einen gesamten Selbstlernkurs autonom. Reflexionsfragen? Kein Problem. Die KI beantwortet sie fehlerfrei, klickt sich durch alle Module, besteht am Ende mit Bravour. Der Aufwand für dich als „Lernende*n“? Minimal. Der Lerneffekt? Null.

Hier offenbart sich das Dilemma: Bildung wird zur Farce, wenn sie sich auf technische Abhaken reduzieren lässt. Was bleibt, ist ein Zertifikat – ein „Jodel-Diplom“, wie Loriot es nennen würde. Ein Stück Papier (oder ein digitales Badge), das vorgibt, Kompetenz zu bescheinigen, während in Wahrheit nur eine Algorithmus-Hürde genommen wurde.

Zwei Seiten einer Medaille

Natürlich gibt es gute Gründe für solche Formate: Skalierbarkeit, Flexibilität, Dokumentation. Wie soll man sonst hunderte Mitarbeitende in kurzer Zeit schulen? Nicht jede*r hat Zeit für Präsenzseminare, und Einrichtungen müssen nachweisen, dass sie ihre Pflichten erfüllen. Doch diese Vorteile sind technokratisch. Sie dienen der Verwaltung, nicht der Bildung.

Wenn es um echte Kompetenzentwicklung geht, braucht es mehr als Multiple-Choice-Tests und automatisierte Bestätigungen. Es braucht Begleitung durch Menschen, die Fragen stellen, Diskussionen anregen und kritisch hinterfragen. Es braucht Praxisbezug, nicht nur Theorie, und Raum für Reflexion, um eigene Haltungen zu entwickeln. KI kann hier unterstützen – etwa durch personalisierte Lernpfade oder interaktive Simulationen. Aber sie darf nicht zum Ersatz für menschliche Interaktion werden. Denn Bildung ist kein Produkt, das man abarbeitet. Sie ist ein Prozess, der Auseinandersetzung verlangt.

Der Diskurs ist dringend nötig, wie wir in unseren Einrichtungen mit diesem Spannungsfeld umgehen. Setzen wir auf verpflichtende Selbstlernkurse und akzeptieren, dass sie umgangen werden können? Investieren wir in begleitete Formate, auch wenn sie aufwendiger sind? Oder suchen wir nach Hybridlösungen, die Effizienz und Tiefe verbinden? Am Ende geht es nicht um Zertifikate, sondern darum, ob wir Menschen wirklich befähigen – oder nur den Anschein erwecken.

Ein Kommentar

  1. Hallo Tobias, spannende Perspektive. Ich denke, bei so großen Kursen wird es eher um die Formalität eines Abschlusses gehen als um konkrete Bildungsziele. Schade eigentlich…

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